Bonjour, bounjou, bon dia: Entdecke die Regionalsprachen Frankreichs!

Bonjour, bounjou, bon dia: Entdecke die Regionalsprachen Frankreichs!

Wusstest du, dass man in Frankreich nicht nur Französisch spricht? Neben der offiziellen Amtssprache existieren in unserem Nachbarland zahlreiche Regionalsprachen, Dialekte und Mundarten! Geh mit mir auf eine Entdeckungstour der wichtigsten Regionalsprachen Frankreichs!

Als ich vor einigen Jahren das erste Mal alleine nach Frankreich kam fand ich mich vor einem ungeahnten Problem wieder. Bei meiner französischen Gastfamilie packte ich stolz mein holpriges Schulfranzösisch aus. Bastelte mühsam an umständlichen Sätzen, um mich halbwegs verständlich zu machen. Und bekam Antworten in einer Sprache, die mir völlig unbekannt erschien! Schlimmer noch: gefühlt waren es mehrere Sprachen, mit denen ich da konfrontiert war! Mit diesem Gefühl lag ich gar nicht so falsch…

Bei meiner Gastmutter war ich mir noch ziemlich sicher, dass es sich um Französisch handelte. Wenn mein Gastvater das Wort ergriff, verstand ich allerdings nur noch Bahnhof. Verzweifelt suchte ich im Wörterbuch nach so unverwandten Klängen wie « foäng » oder « momang ».

Nach und nach begriff ich, dass es sich beim « foäng » um foin (Heu) und bei « momang » um moment (den Moment) handelte. Dass « demäng » in der Aussprache meines Gastvaters für demain (morgen) und « väng-sänk » für vingt-cinc (25) stand. Der Ursprung all dieser Verwirrung: die lokale Mundart.

Von diesen sogenannten Patois gibt es in Frankreich viele. Sie stellen, ähnlich wie im Deutschen, lokale Varianten regionaler Dialekte dar. Diese wiederum wurzeln in einer Vielzahl regionaler Sprachen! Oft antiken Ursprungs sind diese Regionalsprachen Frankreichs bis heute von großer Bedeutung geblieben.

 

Der lange Weg vom linguistischen Flickenteppich zur einheitlichen Landessprache

 

Keltisch, Gallisch, Römisch…

Denn bis vor nicht allzu langer Zeit sprachen die wenigsten Franzosen die offizielle Landessprache! Vor der Eroberung des heutigen Frankreich durch Cäsars Armeen im Jahr 52 v. Chr. war das Land ein linguistisches Mosaik aus verschiedenen keltischen und gallischen Sprachen. Mit den Römern wurde das Lateinische zu einem bestimmenden Einfluss. (Nicht umsonst zählt Französisch heute zu den romanischen Sprachen.)

1539 schließlich löste Französisch das Lateinische als offizielle Amts- und Gerichtssprache ab. Aber während die « Sprache Molières » langsam zur Modesprache der europäischen Höfe avancierte, herrschten auf dem Land weiter die verschiedenen Regionalsprachen vor. Noch zur Zeit der französischen Revolution (1789) sprachen drei Viertel der « Franzosen » kein offizielles Französisch!

 

Ein Volk, eine Sprache?

Für die Revolutionäre stellten die Regionalsprachen Frankreichs allerdings ein Hindernis für die demokratische Entwicklung des Landes dar! 1790 begann die Nationalversammlung darum zunächst, alle Gesetze in die zahlreichen Regionalsprachen Frankreichs zu übersetzen. Das Projekt scheiterte an seiner Kostspieligkeit.

Die Lösung, um alle Bürger der blutjungen Ersten Republik in einem gemeinsamen Verständnis von Recht und Politik zu einen: Die obligatorische Verfassung sämtlicher Gesetze und Erlassungen auf Französisch – und nur auf Französisch! Auch diese Maßnahme von 1794 blieb allerdings weitgehend wirkungslos…

Erst mit der Einführung der Schulpflicht ab den 1880er Jahren unter der Dritten Republik erreichte das Französische endlich alle Schichten der Bevölkerung. Und lediglich 1958 wurde das Französische – in der französischen Constitution der Fünften Republik – zum ersten Mal als « Sprache der Republik » erwähnt!

 

Die wichtigsten Regionalsprachen Frankreichs im Überblick

Kein Wunder also, dass bei dieser langatmigen Entwicklung die Regionalsprachen Frankreichs und Mundarten ihre Bedeutung bis heute erhalten haben. Und zum Glück! Schließlich stellen diese Varianten für Frankreich ein kostbares linguistisches Erbe und eine kulturelle Bereicherung dar!

Na, hast du Lust bekommen, dieses Sprachenlabyrinth mit mir zu erkunden? Dann lies weiter, um die wichtigsten Regionalsprachen Frankreichs kennenzulernen 🙂

Vorneweg: den nördlichen Teil Frankreichs beherrschen die Dialekte und Regionalsprachen der alten galloromanischen Sprache langue d’oïl. Im Süden Frankreichs und Teilen Italiens herrscht dagegen der Einfluss der romanischen langue d’oc, des Okzitanischen, vor.

 

Das Provenzalische

Regionalsprache ProvencalMein erster Aufenthalt in Frankreich führte mich in den Südosten Frankreichs. Die dort vorherrschende Regionalsprache ist das provençal. Das Provenzalische, eine Untergruppe der okzitanischen Sprache, ist wiederum selbst in mehrere Unterdialekte aufgeteilt. Das alpin, das gavot, das maritime, das niçard, das rhodanien, das shuadit… Leider droht vielen davon heute das Vergessen!

Mein französischer Gastvater war zum Beispiel noch mit dem Klang des Provenzalischen aufgewachsen, spricht es aber selbst bereits nicht mehr. (Dafür aber Französisch mit einer Variante des ebenso derben wie sympathischen südfranzösischen Dialektes, der mir zu Beginn das Verständnis so schwer machte!) Und von seinen Kindern versteht bereits keines mehr diese alte Regionalsprache! Und das, obwohl noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts niemand in der Familie Französisch sprach!

Du hättest gerne ein Beispiel aus dem Provenzalischen? Le vieux moulin d’olives (die alte Olivenmühle) lautet in einer seiner Mundarten « lou vièi moulin d’òli ». Hübsch, oder? Das klangvolle provençal ist aber bei weitem nicht die verbreitetste unter den Regionalsprachen Frankreichs!

 

Das Elsässische

Regionalsprache AlsacienDie meisten Sprecher zählt in Frankreich das Elsässische (alcacien) mit etwa 800.000 Muttersprachlern. Hinter diesem Begriff versteckt sich eine Vielzahl lokaler Mundarten alemannischen, südfränkischen und rheinfränkischen Ursprungs.

Historisch an der Schnittstelle zwischen germanischen und fränkischen Reichen gelegen (und im Laufe der modernen Geschichte bitter von beiden Seiten umkämpft), konzentriert die ostfranzösische Gegend rund um Straßburg und Colmar einen fröhlichen Sprachenmix. Ein lustiges Beispiel dafür ist « vielmols merci » (Vielen Dank – merci beaucoup). 😉

 

Das Katalanische

Regionalsprache CatalanDem Elsass schräg gegenüber, im Südwesten Frankreichs, liegt die historische Provinz Roussillon. (Heute zählt sie zum Département Pyrénées Orientales.) Hier erklingt eine eng mit dem Okzitanischen verwandte Regionalsprache, das Katalanische.

Das catalan stellt eine Brückensprache zwischen den galloromanischen und den iberoromanischen Sprachen dar, also zwischen fränkischen und spanischen Einflüssen. Ein Beispiel? Zur Begrüßung sagen Sprecher des Katalanischen « bon dia » – ein Mix aus dem französischen bonjour und dem spanischen buenos dias.

 

Das Baskische

Regionalsprache BasqueKommen wir zu einer weiteren südwestfranzösischen Regionalsprache: dem Baskischen (basque). Diese Regionalsprache, die sich selbst « Euskara » nennt, wird bis heute noch von hunderttausenden Muttersprachlern in der spanisch-französischen Grenzregion Biskaya gesprochen.

Was diese Sprache so einzigartig macht? Es ist eine isolierte Sprache, ist also mit keiner anderen Sprache verwandt! Und nebenbei die älteste noch lebendige Sprache Westeuropas! Solltest du in Südwestfrankreich auf Sprecher des Baskischen stoßen, wirst du vermutlich nur Bahnhof verstehen. In diesem Falle hilft wohl nur « ez dut ulertzen » – ich verstehe nicht (auf Französisch: je ne comprends pas)…

 

Das Bretonische

Regionalsprache BretonEine weitere bedeutende Regionalsprache Frankreichs ist das Bretonische (breton). Diese Sprache keltischen Ursprungs zählt heute noch 150.000 bis 200.000 Sprecher im Nordwesten Frankreichs.

Anders als das Provenzalische oder das Elsässische hat sie mit dem Französischen allerdings nichts gemein! Im « Breizh » (der Bretagne) lautet etwa der traditionelle Butterkuchen (im Französischen gâteau de beurre): « Kouign-amann »!

 

Das Korsische

Regionalsprache CorseWenn du einmal « Asterix auf Korsika » gelesen hast, weißt du: die Inselbewohner sind ein stolzes Völkchen. Und ebenso stolze Besitzer einer der wichtigsten Regionalsprachen Frankreichs, des Korsischen (corse)! Diese italoromanische Sprache ist eng mit den zentralitalienischen Dialekten verwandt.

Beleg gefällig? Das klassiche « Oh Basta! » (es reicht, ça suffit). Das italiensiche Erbe ist kein Zufall: die Insel stand lange unter italienischer Herrschaft, bevor sie von französischer Hand erobert wurde. (Von 1794 bis 1796 war sie gar ein anglo-korsisches Königkreich!) Heute zählt das Korsische noch gut 120.000 Muttersprachler.

 

…und viele, viele mehr!

Als große Sprachenliebhaberin könnte ich jetzt noch lange weitermachen… Aber Frankreich zählt mehrere Dutzend Regionalsprachen! Und entsprechend unzählige lokale Dialekte und Mundarten, die in diesen Sprachen wurzeln…

Zu denen zählen nebenbei auch noch das Fränkische (francique), das Flämische (flamand), das Frankoprovenzalische (arpitan), das Ligurische (ligure)… Und die Picardische Sprache (le picard), die in einigen Teilen Nordfrankreichs als Ch’ti bezeichnet wird! Klingelt da etwas? Ja, richtig, mit der Erfolgskomödie « Willkommen bei den Sch’tis » hat gleichnamige nordfranzösische Dialekt 2008 weltweite Berühmtheit erlangt!

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die verschiedenen Regionalsprachen der französischen Überseegebiete. Wie zum Beispiel das Kreolische (le créole), das in verschiedenen Varianten auf Réunion, den Antillen oder in Französisch-Guyana gesprochen wird.

Du möchtest wissen, wie die Regionalsprachen Frankreichs klingen? Hier kannst du sie dir anhören!

 


Wusstest du’s?

Den nördlichen Spracheinflüssen ist es zu verdanken, dass die Zahlen 70, 80 und 90 – auf Französisch soixante-dix, quatre-vingt und quatre-vingt-dix – so kompliziert sind! Im Süden hieß 70 lange Zeit « septante« , 80 « huitante » oder « octante » und 90 « nonante« . Diese Zählweise in Zehnerschritten war den Römern zu verdanken und hält sich (für 70 und 90) heute noch in den französischsprachigen Teilen Belgiens und der Schweiz!

Spätestens im 18. Jahrhundert setzt sich allerdings in Frankreich das Zwanzigersystem durch. Dessen Ursprung sehen manche bei den Kelten, die angeblich zur Zählung nicht nur ihre 10 Finger, sondern auch ihre 10 Zehen einsetzten… Zum großen Leidwesen aller Frankreichreisenden, die sich an der französischen Kasse bis heute mit Kopfrechenspielen wie sechzig-plus-vierzehn (74) oder vier-mal-zwanzig-plus-neunzehn (99) herumplagen müssen… Warum es aber in der logischen Fortführung des Zwanzigersystems kein zwanzig-plus-zehn für 30 oder zwei-mal-zwanzig für 40 gibt, konnte mir noch niemand sagen…

Eine unterhaltsame Erklärung der französischen Zählweise gibt es von ARTE Karambolage 🙂


 

Die Regionalsprachen Frankreichs – ein schützenswertes Erbe

Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts hat das staatliche Interesse am Sprachenreichtum Frankreichs deutlich zugenommen. Nach jahrzehntelangen Bemühungen, das Französische zur offiziellen Amts- und Landessprache zu machen, herrscht heute ein neues Bewusstsein für den linguistischen Schatz der Republik!

Das sprachliche Erbe und die vielen Regionalsprachen Frankreichs, lange als Hindernis empfunden, werden inzwischen geschützt und gefördert. Trotzdem sind aber inzwischen viele lokale Varianten gefährdet. Denn immer weniger junge Menschen lernen noch die Regionalsprache ihrer Großeltern.

Außerdem gilt es, wie auch in Deutschland, leider viel zu häufig noch als Makel, einen ausgeprägten Dialekt zu sprechen. Dem geschliffenen Französisch der Pariser Gesellschaft stehen die regionalen Dialekte und Mundarten mit ihren unverwechselbaren Klängen, Vokabeln und Ausdrücken leider viel zu oft als ungehobelte Ausdrucksweise der Provinzler gegenüber.

Die damit verbundenen Vorurteile standen 2018 im Zentrum einer heftigen Debatte. Der Politiker Jean-Luc Mélenchon hatte damals eine Journalistin wegen ihres Dialektes beleidigt. Die Diskussionen rund um die « Glottophobie » – die Diskriminierung aufgrund sprachlicher Eigenheiten, etwa bei der Jobsuche – halten bis heute an…

 

 

Magdalena

 

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Lust, dich mehr mit dem Französischen zu beschäftigen? Wie wär’s mit einem persönlichen Engagement oder einer Reise nach Frankreich?

Cet article a 4 commentaires

  1. Avatar
    Maxime

    Achtung! Picardische Sprache als Ch’ti zu bezeichnen kann zu einen diplomatischen Zwischenfall führen. das ist gar nicht gleich! 🙂
    Gleich wie das bretonische haben auch Elsässiche Dialekte mit Französisch nix zu tun. Das sind Süd-deutsche Dialekte wie Badisch oder Pfälzisch die von Deutschen gut verständlich sind, von nicht-deutschsprachigen Franzosen aber nicht. 🙂

    Meiner Meinung nach sind in Frankreich zu untescheiden: die Regional Sprachen (Baskisch Elsässisch Bretonisch usw…) die mit Französisch grammatisch nix zu tun haben, die Französische Dialekte die zwischeneinander (mehr oder weniger) verständlich sind und auch fast ausgestorben sind, und was aus diese Sprachen und Dialekte sich ins Alltagsfranzösisch gezogen hat, sprich jede Menge Akzente und lokale Ausdrücke.
    Ein gutes beispiel davon ist der Satz « Ich warte auf dem Bus », auf Elsässisch ca. « i wààrde of den Bus », die (nur) in Elsaß aus dem Elsässisch Wort für Wort ins Alltagfranzösisch übersetzt würde « J’attends sur le bus », was für anderen Franzosen total bescheuert klingt: es bedeutet tatsächlich dass man auf dem Bus hochgeklettert ist, und da oben wartet. 😉

    1. Magdalena
      Magdalena

      Danke für deine Anmerkungen! Ich habe noch einmal recherchiert: Das ch’ti wird sowohl als régionales Synonym für das Picardische (im Nord-Pas-de-Calais) als auch als ein Dialekt des Picardischen erwähnt.

  2. Avatar
    Gisèle

    Danke für diesen wunderbaren Ausflug in die franz. Regionalsprachen! Toll

    1. Magdalena
      Magdalena

      Vielen Dank und liebend gerne! Für mich war die Recherche zu diesem Artikel auch eine spannende Entdeckungsreise! 🙂

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